"Wenn ich nicht fröhlich und glücklich bin, ändert sich auch nichts. Also bin ich fröhlich und glücklich."

Miki Lazar ist Vorstandsmitglied der Jüdischen Gemeinde Kassel, des documenta forums und des Kunstprojektes Lichte Wege. Im Feierabendgespräch sprach er mit Kerstin Leitschuh von der Citypastoral Kassel über Neugier, Glücklichsein und den Wert des Dialogs.

Gott und Synagoge

Ich wage es und frage nach Miki Lazars Vorstellung von Gott. „Eines der ersten Gebote ist es, keine Vorstellung von Gott zu haben. Also mache ich mir auch kein Bildnis von Gott“, erklärt das Mitglied der Jüdischen Gemeinde. „Für mich gibt es etwas, das über allem ist und ich als Mensch bin nicht in der Lage, mir das vorzustellen. Deswegen mache ich mir keine Vorstellung.” Es gebe den Satz ‚Gottes Wort ist Wahrheit‘. Im Hebräischen setzt sich das Wort Wahrheit aus den Begriffen ‚Mutter‘ und ‚Tod‘ zusammen. „Das ist die ganze Wahrheit: Wir sind von einer Mutter geboren und werden irgendwann sterben“, so Lazar.
Und Dein Glaube, frage ich Miki Lazar? „Ich gehe nicht in als religiöser Mensch in die jüdische Gemeinde“, erklärt er. Er halte sich auch nicht ganz an die Gebote – außer an die Zehn Gebote. Es sei eine Gemeinschaft, in die er hineingeboren wurde. „Ich helfe aus gesellschaftlichen Gründen in der Gemeinde und aus Verbundenheit mit einer Gemeinschaft mit.“ Sein Papa war auch nicht religiös. Aber er ist einmal im Jahr in die Synagoge gegangen, weil sein Vater wiederum Kantor war. Lazar erinnert sich: „Mein Vater ist jedes Jahr – egal wo er war – zu Yom Kipur in die Synagoge gegangen um das ‚Kol Nidre‘ zu hören. Das war für ihn immer die Verbindung zu seiner Familie. Ich gehe heute auch zu Yom Kipur auf jeden Fall in die Synagoge um das zu hören.“

Freundschaft und Antisemitismus

Miki Lazar war während der documenta 15 mit Blick auf die Antisemitismusdiskussion auch für die Medien ein gefragter Gesprächspartner. Nicht nur weil er Mitglied der Jüdischen Gemeinde ist, sondern auch weil er mit einigen Mitgliedern des Künstlerkollektivs ruangrupa eigenen Angaben nach befreundet sei. Wie kann das bei so unterschiedlichen Wahrnehmungen funktionieren und mit welcher Haltung begegnet Lazar Menschen, die anderer Meinung sind? „Die Offenheit habe ich von meinem Vater gelernt“, antwortet er schnell. „Ich lebe seit 40 Jahren in Deutschland. Mein Vater hat bis zu seinem Tod in Israel gelebt, seine letzte Station in Europa war aber Theresienstadt. Trotzdem hat er seine Beziehungen zu Deutschen gepflegt.“ Er ergänzt: „Es ist nicht Vergebung und auch nicht Vergessen.” Miki Lazar habe mit einigen Mitgliedern von ruangupa intensiv diskutiert: „Ich werde keinen von ihnen als Antisemit bezeichnen. Es waren unheimlich offene und tolle Menschen dabei. Iswanto Hartono nenne ich heute meinen Bruder. Er ist China-Indonesier und hat in seinem Leben mehr Hass erlebt als ich als Jude hier in Kassel. Sein Haus wurde mit Steinen beworfen, er wurde gemobbt, er durfte nicht zur Uni. Er hat besser verstanden was Antisemitismus ist, als mancher Deutscher.” Sie seien wertschätzend und respektvoll miteinander umgegangen. „Aber über Antisemitismus und Rassismus kann man nicht diskutieren. Das ist keine Meinung”, stellt Lazar klar. Man könne darüber diskutieren, wo und in welcher Form beides auftritt. Im Lumbung-Radio der documenta 15 wurde ein sehr offenes Gespräch zwischen ihm, Nora Sternfeld und drei ruangrupa-Mitgliedern aufgenommen. Er hoffe, dass es bald veröffentlicht wird. „Ich habe festgestellt, wie schlecht ich über Indonesien informiert war“, gibt Lazar zu. Er entdecke durchaus Parallelen zu Deutschland. Auch dort seien viele Menschen von den eigenen Landsleuten verraten und getötet worden. „In Indonesien ist das noch nicht verarbeitet worden. Darüber können auch die Indonesier noch nicht gut reden – das ist erst in den 60er Jahren passiert.“

Zeit und Engagement

Warum er sich in drei Vereinen gleich im Vorstand engagiert und Verantwortung trägt, darüber habe sich der Inhaber einer Firma für visuelle Kommunikation noch nie Gedanken gemacht, sagt er bescheiden. „Wenn mich etwas beschäftigt, dann reagiere ich”, erklärt er sein Wirken. „Ich engagiere mich auch aus der Neugier heraus”, sagt er. Und er könne schlecht nein sagen. Ihm begegnen ständig viele Gelegenheiten, wo er ehrenamtlich angefragt wird. Da versuche er sein Bestes zu geben. „Aber es muss immer ein Gleichgewicht sein: Zwischen dem täglichen Job um Geld zu verdienen und für die Kinder zu sorgen und gleichzeitig etwas durch Engagement zurückzugeben.”

Glücklich und fröhlich

Trotz der sehr nachdenklichen und ernsten Themen, mit denen Miki Lazar unterwegs ist, nehme ich ihn als einen fröhlichen und positiven Menschen wahr. Ich möchte wissen, was ihn glücklich macht. „Mein Vater wurde immer gefragt, wie er nach allem, was er erlebt hat, so fröhlich und glücklich sein kann. Er hat immer geantwortet, dass sich nichts ändern würde, wenn er nicht fröhlich und glücklich sein würde. Also war er eben fröhlich und glücklich. Auch das habe ich von meinem Vater”, sagt er und schmunzelt.

Enzyklopädie und Humanität

Im Vorfeld des Gesprächs habe ich Miki Lazar gebeten, einen Gegenstand mitzubringen, der für einen ihn prägenden Wert im Leben steht. Er antwortete mir, dass der Brockhaus oder andere Bücher zu schwer seien, um sie mitzubringen. Also frage ich ihn natürlich wofür der Brockhaus stehe. „Er steht für Neugier“, entgegnet er. „Schon als Kind habe ich immer eine Enzyklopädie neben dem Bett liegen gehabt und darin gelesen.” Er sammle Brockhaus und auch Enzyklopädien in anderen Sprachen. Platz um Bilder aufzuhängen habe er keinen, diese seien auch nicht so wichtig. „Man muss in die Welt schauen, man entdeckt so viele Sachen, über die man mehr wissen will.”
Sein Vater habe ihn außerdem Humanität gelehrt. „Das heißt für mich Menschenliebe, Toleranz, Offenheit“, erklärt Miki Lazar. „In unserem Haus waren immer viele Gäste – auch Menschen, die mein Vater auf der Straße getroffen hat. Meine Mama musste immer überraschend was zu essen machen, obwohl sie auch gearbeitet hat. Unser Haus in Tel Aviv war immer offen.” Darunter seien auch Jugendgruppen aus Kassel gewesen, die nach Tel Aviv zum Schüleraustausch gekommen sind. „Sie haben bei uns zum Teil mit Schlafsäcken übernachtet,“ erinnert sich Lazar.

Licht und Laser

Licht liegt ihm am Herzen – und das autark aus einer Solaranlage. Mit „Lichte Wege“ am Weinberg gelang ihm und seinen Mitorganisatoren eine Lichtausstellung, die absolut autark war und sich aus der eigenen Solaranlage gespeist hat. Weil das so gut funktionierte, setzte sich Lazar auch dafür ein, dass am Wochenende die „documenta-Laserstrahlen“ wieder strahlen – vom Fridericianum bis hinauf zum Herkules. Unter dem Titel „Laserscape“ hatte der Künstler Horst H. Baumann das Lichtkunstwerk zur documenta 6 im Jahr 1977 geschaffen. Seitdem ist es ein inoffizielles Wahrzeichen der Stadt. „Es ist einfach immer eine Freude am Samstag durch die Stadt und in die Aue zu gehen und diese Laser zu sehen.“

Was braucht die Welt im Jahr 2022?


„Den Dialog – einfach miteinander reden“, antwortet er sehr schnell auf meine Frage, was die Welt in diesem Jahr brauche. „Reden ist das Wichtigste. Man redet häufig über jemanden aber nicht miteinander. Das ist das größte Problem.“ Man müsse offen und ehrlich miteinander reden und nicht alles gleich ablehnen.

Pianist Thomas Sosna begleitete die Veranstaltung musikalisch. 

Die Feierabendgespräche sind eine Kooperation der Citypastoral und Kassel Marketing mit der Galeria. Sie finden am ersten und dritten Donnerstag im Monat um 17 Uhr in der Eventlounge am Kassel Service Point in der Galeria statt.

Text: Kerstin Leitschuh
Fotos: Lars Reichert