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Über Unerwartetes, Nächstenliebe und Gottes Wirken durch den Menschen

Der Kassel Marathon ist eines der größten Sportevents in Nordhessen. Jedes Jahr verwandelt es die Stadt in einen Schauplatz sportlicher Höchstleistungen, menschlicher Begegnungen und emotionaler Momente. In der Reihe „Feierabendgespräch: Gott, die Welt und …“ sprach Kerstin Leitschuh von der Citypastoral mit Michael Aufenanger, dem Organisationsleiter des Kassel Marathons. Er gab persönliche Einblicke in seine Arbeit, seine Werte und sein Menschenbild.

Vielfalt als Herzensangelegenheit

Besonders beeindruckend ist Aufenangers Engagement für Inklusion beim Kassel Marathon. "Diese Vielfalt ist mir persönlich sehr, sehr wichtig", betont er mehrfach im Gespräch. Die Teilnahme von Menschen mit Behinderungen liegt ihm besonders am Herzen.

Einer der bewegendsten Momente für ihn: "Wenn ein Mensch mit Einschränkungen im Rollstuhl sitzt, wird von seinem Betreuer dann auch ein Großteil über die Strecke geschoben und wenn der dann auf der Zielgerade aus seinem Rollstuhl aufsteht und die letzten Meter selbst geht, das ist für mich einer der tollsten und entscheidendsten Momente.“

Mit sichtlicher Begeisterung spricht er auch über die Teilnahme von Kindern: "5000 Kinder, die Spaß haben, dabei zu sein. Man sieht sie und weiß: 90% von denen würden sich jetzt nicht bewegen und nicht am Start stehen, wenn man ihnen nicht die Gelegenheit geben würde." Diese Momente sind für ihn "Motivation, Ansporn und Bestätigung, Glücksgefühl".

Besonders beeindruckt zeigt er sich von der Lebensfreude, die Menschen mit Behinderungen oft ausstrahlen: "Ich bin immer wieder Menschen mit Beeinträchtigungen begegnet. Die haben eine Lebensfreude und eine Liebe in sich, die vielen Menschen fehlt."

Glaube und Werte als persönliches Fundament

Im Gespräch werden auch Aufenangers persönliche Überzeugungen und sein Glaube thematisiert. Als Katholik wünscht er sich, dass in der Kirche mehr Gemeinschaft gelebt wird. Er merkt aber an: "Das kann kein Pfarrer, der vorne sitzt, allein regeln. Das muss eine Gemeinde regeln."

Kritisch hinterfragt er die Trennung der christlichen Konfessionen: "Ich finde es schon immer Wahnsinn, dass wir eine evangelische und katholische Kirche haben. Und ich frage mich, was Jesus dazu sagen würde, wenn er hier wäre und diese zwei Kirchen sehen würde?“ Sein Wunsch, "auch wenn der utopisch ist", wäre eine Überwindung dieser Trennung: "Dass wir einfach Christen sind und uns auf das beschränken, was eigentlich wichtig ist."

Auf die Frage nach der wichtigsten Botschaft des Christentums antwortet er ohne zu zögern: "Die wichtigste ist einfach Nächstenliebe. Dazu gehört auch, dass ich mich selbst lieben muss. Wenn ich nur Nächstenliebe habe und liebe mich selbst nicht, funktioniert das nicht."

Sein Gottesbild beschreibt er als "sehr abstrakt": "Man soll sich ja auch kein Bild von ihm machen. Und mein fester Glaube ist eigentlich, dass Gott immer nur durch die Menschen wirkt, die auf dieser Welt sind." Er zitiert die biblische Aussage: "Wenn zwei oder drei zusammen sind, dann bin ich unter euch. Das ist was, wo ich persönlich ganz, ganz fest daran glaube."

Demokratie und politisches Engagement

Als ehemaliger Bürgermeister hat Aufenanger klare Vorstellungen von Demokratie: "Das Beste an der Demokratie ist, dass das Volk entscheiden kann. Auch wenn viele das heute kritisch sehen. Ich finde, das ist tatsächlich das Sensationelle." Er betont den Grundsatz "Alle Macht geht vom Volke aus" und bedauert gleichzeitig, dass viele Menschen sich nicht aktiv einbringen: "Was mir in unserer Gesellschaft missfällt, ist, dass viele einfach nur meckern, aber nichts für unsere Gesellschaft tun."

Mit Blick auf die anstehende Kommunalwahl appelliert er an die Bürger, von ihrem Wahlrecht Gebrauch zu machen: "Weil wir alle darüber entscheiden, wer die Geschicke lenkt. Und es gibt immer die Möglichkeit, dass sich etwas ändert." Aus eigener Erfahrung weiß er, dass Wahlen überraschende Wendungen nehmen können: "Dann plötzlich war ich halt Bürgermeister, womit keiner gerechnet hat. Und diese Momente gibt es immer wieder in unserer Gesellschaft."

Vom Polizisten zum Marathonorganisator - Ein Lebenslauf mit unerwarteten Wendungen

Michael Aufenanger blickt auf einen abwechslungsreichen und von Überraschungen geprägten Werdegang zurück. Er begann seine berufliche Laufbahn beim Kriminaldauerdienst: "Ich war Polizeibeamter, da war ich der festen Überzeugung, das ist mein Job und da gehe ich in Pension." Doch das Leben hatte andere Pläne für ihn.

"Dann wurde ich sehr überraschend Bürgermeister", erzählt Aufenanger. Zwölf Jahre lang lenkte er die Geschicke der Gemeinde Ahnatal, bis eine Stimmengleichheit und ein darauffolgendes Losverfahren seine politische Karriere zunächst beendeten. "Ich bin ja nicht ausgestiegen. Ich bin, wie meine Kinder sagen, abgelöst worden", stellt er mit einem Schmunzeln klar.

Der wohl einschneidendste Moment in seinem Leben war 2021, als sein Vater, der Gründer und Organisator des Kassel Marathons starb. "Da saßen wir alle am Tisch und meine Kinder haben gesagt: 'Papa, jetzt ist der Opa gestorben. Jetzt kann doch der Marathon nicht sterben.'" Diese Worte seiner Kinder gaben den entscheidenden Anstoß für seine heutige Tätigkeit.

Der Marathon war ursprünglich ein "Lebensprojekt" seines Vaters, das die ganze Familie über Jahre hinweg unterstützt hatte. Nach dessen Tod stand die Zukunft der Veranstaltung ernsthaft in Frage. Die Coronapandemie und der Wegfall des Hauptsponsors stellten große Herausforderungen dar. Aufenanger nahm diese an.

Gemeinschaft statt Individualismus - Lebensweisheiten vom Marathon

Aufenanger selbst ist nicht nur Organisator, sondern auch Läufer aus Überzeugung. Zum Laufen kam er allerdings aus pragmatischen Gründen: "Ich war Bürgermeister, da habe ich auch so einen Politiker-Wohlstandsbauch bekommen. Da habe ich eines Morgens gesagt, das kann nicht sein." Inzwischen hat er sich ein neues Ziel gesetzt: "Das erste Mal, wahrscheinlich auch das einzige Mal in meinem Leben Marathon zu laufen. Das wird am 12. April 2026 in Hannover sein."

Auf die Frage, was man von Marathonläufern fürs Leben lernen könne, antwortet er: "Von Sportlern und insbesondere von Marathonläufern kann man lernen, dass man halt auch mal durchziehen muss, wenn es anfängt weh zu tun." Er verweist auf die berüchtigten letzten Kilometer eines Marathons: "Ab Kilometer 38 bis 40 wird es unter Umständen ganz, ganz hart."

Das Durchhaltevermögen und die Selbstdisziplin, die für einen Marathon nötig sind, sieht er als wichtige Lebenskompetenzen: "Ohne Üben, ohne Training funktioniert es nicht. Und das trifft auf den Marathon natürlich auch ganz besonders zu. Ohne Training kann man es einfach nicht schaffen." Die Herausforderung, neben Beruf und Familie regelmäßig zu trainieren, erfordert ein hohes Maß an Selbstdisziplin: "Da muss man entweder ganz früh morgens aufstehen und trainieren oder auch abends dann, wenn man vielleicht schon gerade in der Winterjahreszeit nach Hause kommt. Und es ist schon dunkel. Schuhe an und noch mal eine Runde ziehen, das erfordert schon ein großes Maß an Selbstdisziplin."

Die Kraft der physischen Begegnung in einer digitalisierten Welt

In einer Zeit, in der viele Menschen hauptsächlich digital kommunizieren, betont Aufenanger die Bedeutung realer Begegnungen: "Digitale Formate können eine Ergänzung bieten, aber die können nie das menschliche Miteinander, das Begegnen, in irgendeiner Art und Weise ersetzen."

Der Marathon schafft solche realen Begegnungsräume – sowohl für die Teilnehmer als auch für die zahlreichen Helfer. Über 700 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer unterstützen die Veranstaltung. Für Aufenanger ist der richtige Umgang mit diesen Freiwilligen entscheidend: "Es geht immer wieder darum, überhaupt Menschen zu gewinnen, die mithelfen. Und es muss den Menschen natürlich auch Spaß machen."

Zu seinen Leitlinien im Umgang mit den Helfern zählt er "Fairer Umgang miteinander und auch im richtigen Moment das richtige Wort zu finden." Der richtige Ton entscheidet darüber, ob die Menschen auch im nächsten Jahr wieder dabei sein wollen.

Hoffnung trotz unsicherer Zeiten

In einer Zeit, die von Unsicherheit und Ängsten geprägt ist, plädiert Aufenanger für Zuversicht: "Erstmal darf man keine Angst haben. Ich weiß, dass das leichter gesagt als getan ist. Die Welt ist manchmal wirklich beängstigend, gerade in Zeiten wie diesen. Aber man kann, darf keine Angst haben und man muss nach vorne gehen."

Seine Grundüberzeugung fasst er zusammen: "Wir müssen einfach glauben, dass es positiv weitergeht. Und vor allen Dingen: Wir alle haben es gemeinsam in der Hand, das Beste daraus zu machen. Das ist meine tiefe Grundüberzeugung und die probiere ich letztlich auch an Menschen weiterzugeben."


Die Feierabendgespräche sind eine Kooperation der Citypastoral, Kassel Marketing und der GALERIA.

Text: K. Leitschuh
Fotos: M. Leitschuh